Dienstag, 21. Dezember 2010

Zwei oder sogar noch mehr Rekorde am selben Tag

Ojjeee, wir ahnten ja noch nicht, was uns an diesem Tag (übrigens dem 155.) bevorstehen würde, als wir unbekümmert in Agua Zarcas auf unsere Fahrräder sassen und los fuhren.  Schon nach der ersten Kurve konnten wir sehen, wie die Strasse vor uns in schnurgerader Linie auf den Berg nach oben führte. Eine so steile Strasse hatten wir bislang vielleicht dreimal auf den gesamten zurückliegenden 8000 Kilometern. Aber da handelte es sich jeweils um einige Dutzend Meter. Hier schien die Strasse endlos. Ja nu, wir wussten, dass wir an Höhe gewinnen mussten, um nach San Isidro de Herdia zu gelangen und so mühten wir uns und unsere fast 70 Kilogramm schweren Fahrräder den Berg hinauf.

Was uns dann nach etwa 5 Kilometern steilsten Anstiegs oben erwartete, war schlicht gemein. Nicht, dass die Strasse jetzt flacher wurde oder sogar eben. Nein, fluchend über die Costa Ricanische Strassenführung sausten wir wieder hinunter, wohlgemerkt ins genau gleiche Tal, von welchem wir eben gerade heraufgestrampelt waren. Das Selbe gab’s dann noch weitere drei male, bis wir schliesslich in San Miguel ankamen.

Was jetzt folgt, lieber Leser ist kaum vorstellbar und es leider lässt sich wohl nicht wirklich passend beschreiben. Schon in San Miguel beginnt eine so krasse Steigung, dass es Jürg immer mal wieder das Vorderrad von der Strasse abhob, wenn er etwas zu weit nach hinten lehnte. Kilometerweit präsentiert sich nach jeder Kurve wieder ein genauso steiles Stück Strasse. Wenn uns mal ein Auto entgegen kam oder überholte, dann jolten die Leute aus dem Wageninnern und feuerten uns an. Bestimmt hielten die uns für vollkommen übergeschnappt, vor Allem, da diese ja wussten, was da noch vor uns Ahnungslosen lag. Einer streckte uns sogar einen Schokoriegel zur Stärkung entgegen. Zu allem Überfluss setzte nun auch noch der Regen ein und es stieg Nabel aus den Tälern. Ja nu, nasser als wir schon vom Schwitzen her waren, konnten wir nicht mehr werden.

Als dann schliesslich auch noch fertig mit Asphalt war und die Strasse sich langsam dem Zustand eines Flussbeets näherte, machten wir einen kleinen Halt und beschlossen, bei der nächsten Möglichkeit zu versuchen irgendwo unter zu kommen, schliesslich ging es schon gegen 4 und um 5 ist es in diesen Breitengraden um diese Jahreszeit Stockdunkel. Ups, hatten wir überhaupt irgendetwas, wie eine Herberge oder ein Hotel gesehen, in den letzten zwei oder drei Stunden? Nein, nichts Dergleichen.

So blieb uns also nichts Anderes übrig, als zu strampeln und zu hoffen. Im Gegensatz zu Kim, der in solchen Situationen zu beten pflegt, konnten wir, weil wir ja wissen, dass es Gott nicht gibt, einfach nichts als Strampeln und Hoffen. So strampelten wir weiter von Kurve zu Kurve und hinter jeder Kurve tat sich eine weitere Strecke mit unmenschlicher Steigung (der Kirchrai in Wallisellen ist flach dagegen) und ebenso gemeinen Schlaglöchern vor uns auf. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 4 Stundenkilometern kämpften wir uns die regnerischen, nebligen, steilen und schlaglochübersäten Hänge hoch. An einigen Stellen mussten wir durch Bäche fahren und an anderen Stellen war die Strasse nur sehr provisorisch repariert, da das alte Trasse den unsäglich steilen Berg hinunter gerutscht sein muss. Nach fast 1800 Höhenmetern tauchte doch linkerhand tatsächlich ein Restaurant auf.
Ach lieber Leser, stell Dir nun bitte nicht ein Restaurant vor, wie wir es irgendwo in Europa kennen. Nö, das war eine nach zwei Seiten offene Blechbude mit einem Feuer in der Mitte, eine zügige Bude mit drei Tischen und einem halben Dutzend Stühlen. Wir setzten uns tropfnass hin und bestellten je ein Getränk und Essen (zum Glück für Jürg war der Eintopf, den sie da anboten doch tatsächlich ohne Fleisch!).
Jürg dampfte regelrecht. Gefragt, ob es denn irgendwo da oben ein Hotel oder so gäbe, meinte der Herr, welcher uns das Essen brachte, dass in etwa zwei Kilometern ein Hotel komme, übrigens, das Einzige weit und breit. Gottlob bzw. natürlich zum Glück. Da es draussen inzwischen dunkel geworden war und mangels Licht drinnen auch, beschlossen wir das letzte Stück noch unter die Räder zu nehmen.
Auch die nächsten zwei Kilometer, die sich dann aber als 4 herausstellten (und das bei durchschnittlich 4 Stundenkilometern!) waren genauso steil, nass und voller Pfützen, wie die vorangegangenen weissnichtwieviele.

So kamen wir tropfnass und hundemüde endlich bei der besagten Hotelanlage an.
Ui dieses Hotel schien sich aber schon etwas von allen Vorangegangenen zu unterscheiden. Gerade einen günstigen Eindruck machte die Lobby nicht, auf uns. Ja nu, mal rein und fragen.
Entschuldigung, haben sie noch ein freies Zimmer für zwei Personen?
Claro que si.
Was würde uns das kosten?
Wir bekamen einen Prospekt vorgelegt, mit je einem Bild des kleineren Zimmers und einem des grösseren Zimmers. Ups, uns würde eigentlich ein Zimmer genügen, wir bräuchten keinen Palast. Die Zimmer auf den Bildern waren einfach riiiiesig, mit Cheminee, einem unbeschreiblichen Bad, mit Jacuzzi, Wasserfallduschen, einem enorm grossen Himmelbett, Stereoanlage und einem immensen Balkon, auf welchem man sich verlaufen könnte.
Leerschluck. Was kostet denn das kleinere Zimmer? 300 Dollar das Kleine und das Grosse 400. Aha. Wir mussten nicht lange überlegen. Wir hatten absolut keine Lust, draussen in der Kälte unser Zelt aufzubauen, also entschieden wir uns für das Kleine. Der freundliche Herr an der Rezeption schlug uns vor, uns das Grosse zum Preis des Kleinen zu überlassen, was wir natürlich mit Freude akzeptierten.
Die Fahrräder sollen wir ruhig mit aufs Zimmer nehmen, meinte er. Als wir alles Geschäftlich erledigt hatten, führte er uns zum Zimmer oder besser gesagt zur Suite. WOW, was wir da bekamen für die 300 Dollar, war jeden Cent wert.

Unfassbar, da hatte es einen Jacuzzi innen, eines aussen auf dem Balkon, eine Wasserfalldusche, eine normale Dusche, ein Cheminee, welches er gleich anzündete und es war einfach riiiiesig.
Wir nahmen gleich ein Sprudelbad und kochten uns danach auf dem Balkon Spaghetti welche wir vor dem Kaminfeuer genüsslich assen.

Einfach königlich schliefen wir im Himmelbett und am Morgen konnten wir uns nach einem üppigen Frühstück noch den hauseigenen Zoo anschauen.
Unglaublich, zu diesem Hotel gehört ein immenser Park, mit Raubtiergehegen, einem Affenhaus, einem Schlangenhaus, einem Schmetterlingshaus, einem Haus für Vögel, einem für Frösche usw. usw.

Absolut erholt und um 300 Dollar erleichtert nahmen wir dann am nächsten Tag die weitere Strecke in Angriff.  Diese führte uns schliesslich, mit endlos steilem Anstieg auf 2150 Meter.
Tag 155 war definitiv der Tag mit der grössten Steigung und auch derjenige mit der absolut teuersten Übernachtung (rund 5 mal so teuer, wie die bislang teuerste!)
Aber es hat sich gelohnt.

2 Kommentare:

  1. Lieber Stefan
    Lieber Jürg

    Was muss das für ein Erlebnis gewesen sein, nach all der Mühlsal in dieser Luxusunterkunft Erholung zu finden. Da habt ihr Euch mit den bestens investierten 300 Dollar genau das richtige Weihnachtsgeschenk gemacht. Ich wünsche Euch für die kommenden Feiertage viel Lametta und übrigens - hoh, hoh, hoh - kennt man dort auch den Weihnachtsmann?

    Herzliche Weihnachtsgrüsse
    aus der Heimat!!
    Jürgen

    AntwortenLöschen
  2. Das ist ja unfassbar! Wir haben - zumindest im zweiten Teil und natürlich erst, nachdem wir im ersten Teil ordentlich Mitleid mit Euch hatten - Tränen gelacht. Das ist einfach irre, was Ihr da erlebt habt! Wollt Ihr wirklich aufhören? Einfach großartig diese Geschichte.

    Liebe Grüße aus Flores, Rebecca und Fred

    AntwortenLöschen