Samstag, 22. Januar 2011

Wovon leben die Leute bloss?

Cartagena, Ankunft am 11. und Abflugdatum am 27. Da habe ich mal so richtig Zeit zum Nichtstun. Nichtstun heisst in diesem Fall, sich die Stadt bis in den hintersten Winkel anschauen, Bücher lesen und Menschen beobachten.
Da setze ich mich mit einem Buch in einen der Pärke und neben dem Lesen, beobachte ich das Geschehen rundherum.
Unvorstellbar viele Leute, versuchen sich mit dem Verkauf von Kleinigkeiten über Wasser zu halten. Überall wimmelt es von Leuten, die einen Bauchladen mit sich herum schleppen, ein abenteuerliches, aus Abfall zusammen gebasteltes Wägelchen vor sich her stossen oder einfach auf einen Block Styropor einige Brillen gesteckt haben.
Jeden Morgen werde ich frühzeitig von einem Fischhändler geweckt, der wenn es noch dunkel ist, zügig durch die Gassen schreitet, über der Schulter eine Stange und an den beiden Enden je einen Eimer aufgehängt. Sein schriller Pfiff ist schon von weitem zu hören. Abwechselnd pfeift er und schreit „pescas, pescas“. Fische verkauft er, oder er versucht es zumindest, denn immer wieder kreuzt er später auch am Tag meinen Weg. In den zwei Wochen, in welchen ich jetzt hier in Cartagena bin, habe ich ihn jeden Morgen vorbei ziehen gehört und ihn auch unterwegs einige Dutzende Male gesehen. Kein einziges Mal sah ich ihn auch nur einen einzigen Fisch verkaufen.
Überall wimmelt es von Leuten, die irgend Etwas anbieten, sei es Sonnenbrillen, Kaugummis, Feuerzeuge, Luftballone alle möglichen Esswaren, Getränke usw. usw.
Im Parque de Bolivar sind teilweise mehr Menschen, die versuchen Etwas zu verkaufen, als potenzielle Käufer.
Da hat es dutzende, die Wasser in kleinen Plastikbeutelchen anbieten und dies zu 200 Peso das Stück. Das sind gerade mal 10 Rappen. Andere versuchen ihr Glück mit selbstgemachtem Eis, Kafee, Tee, Keksen, Schmuck, Hüten, oder geschnitzten Schöpfkellen.
Die meisten sind andauernd in Bewegung und rennen hin und her, quer durch die ganze Stadt und kommen vielleicht zwei Stunden später am selben Ort wieder vorbei. Nur ganz selten sieht man auch, dass der Eine oder Andere auch tatsächlich Etwas verkaufen kann.
Ein Herr ist immer hier, er verkauft Maiskörner als Vogelfutter. Da die Vögel vor allem im Parque sind, ist er als einziger immer hier. Weil ich stundenlang im Park sitze und in meinem Buch lese, kann ich ihn sehr gut beobachten.  Auch sitzt er immer auf der selben Bank und weil ich mich gleich daneben installiert habe, verpasse ich Nichts.
Die Maiskörner hat er in kleine Säckchen abgepackt und diese verkauft er für 500 Peso das Stück (also 25 Rappen).
Die erste Stunde, als ich dort sitze, frage ich mich, was er denn überhaupt mit diesen Maiskörnern will, denn das Bündelchen Körner liegt einfach neben ihm auf der Bank. Es passier erst mal gar nichts. Erst als ein kleiner Junge, vielleicht 7 oder 8 Jahre alt kommt und ein solches Beutelchen einfach an sich nimmt, geht es los.
Ich nehme an, dass der ältere Herr sein Grossvater oder sonst ein Verwandter ist, denn die beiden scheinen sich auf alle Fälle zu kennen.
Dann geht der Bub einige Schritte weg, öffnet das Säckchen und füttert damit die Tauben.
Der Alte zeigt zum ersten Mal eine Regung, indem er wie von einer Biene gestochen aufspringt, den Kleinen ohrfeigt, ihm die verbleibenden Körner weg nimmt und sagt, diese seien für die Touristen.
Der Kleine entfernt sich mürrisch, hat aber so etwas wie eine Initialzündung geleistet. Die Leute rundum sahen, wie viele Tauben sich auf die paar Körner gestürzt haben und so kann der Herr plötzlich ein halbes Dutzend der Säckchen verkaufen.
Dann geht wieder lange nichts mehr und ich frage mich, warum der Herr denn nicht schnallt, dass er einen viel grösseren Erfolg hätte, wenn er mit seinem Enkel zusammenspannen würde.
Anstatt ihn zu schlagen und zu tadeln, könnte er ihn doch anstellen, um die Tauben zu füttern und somit den Leuten zu zeigen, dass die Viecher sogar auf den ausgestreckten Armen landen und die Körner aus der Hand fressen. Der Kleine hätte seinen Spass und der Alte sein Geschäft. Aber so komplizierte Zusammenhänge scheint hier kaum einer zu begreifen.
Schliesslich bin ich geschlagene 4 Stunden auf diesem Platz und in diesen 4 Stunden hat der alte Herr, wenn ich richtig mitgezählt habe 14 solcher Säckchen verkaufen können.
Macht also 7000 Peso. Das sind 3 Franken 50. Jesses, da frage ich mich ernsthaft, wovon lebt dieser Mann? Wie um Himmels Willen kommt er zu genügend Geld für Essen, Miete und Leben?
Desgleichen all die andern Händler, die wie vom Teufel verfolgt irgendwelche Karren vor sich her schieben und versuchen ein Getränk für 2000 Pesos zu verkaufen, welches sie (und das habe ich beobachtet!) im Supermarkt für 1800 Peso einkaufen. So selten haben sie Erfolg und wenn sie dann mal eine Kola oder einen Eistee verkaufen können, dann haben sie 10 Rappen verdient. Es bleibt mir ein echtes Rätsel, wie diese Leute sich über Wasser halten können.
Eigentlich erstaunlich, dass nicht viel mehr kriminell werden. Auf ehrliche Art und Weise spult man auf diese Art ja täglich x Kilometer ab, kann sich kaum die Schuhe leisten, die man dabei zerläuft und muss zu alledem noch verhungern.

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