Na, das war ja vielleicht wieder mal ein Abenteuer, diese Überfahrt mit dem kleinen Nussschalenbötchen, ojeeee.
Aber beginnen wir doch von vorn.
Von Panama aus kann man Kolumbien ja nicht auf dem Landweg erreichen. Das heisst, rein theoretisch könnte man, aber dazu müsste man total lebensmüde sein und eine grosse Menge Geld für Schlepper zur Verfügung haben. Genau in diesem Grenzgebiet nämlich, haben sich die letzten Reste der Farc-Rebellen (das sind diejenigen, welche immer mal wieder Touristen und Politiker entführen) zurückgezogen.
Also bleiben nur zwei einigermassen überlebbare Möglichkeiten. Die eine ist per Flugzeug, die andere per Boot.
Wir entschieden uns für’s Boot, weil wir uns noch gerne die San Blas Inseln anschauen wollten. Und dies nicht von oben.
Aber beginnen wir doch von vorn.
Von Panama aus kann man Kolumbien ja nicht auf dem Landweg erreichen. Das heisst, rein theoretisch könnte man, aber dazu müsste man total lebensmüde sein und eine grosse Menge Geld für Schlepper zur Verfügung haben. Genau in diesem Grenzgebiet nämlich, haben sich die letzten Reste der Farc-Rebellen (das sind diejenigen, welche immer mal wieder Touristen und Politiker entführen) zurückgezogen.
Also bleiben nur zwei einigermassen überlebbare Möglichkeiten. Die eine ist per Flugzeug, die andere per Boot.
Wir entschieden uns für’s Boot, weil wir uns noch gerne die San Blas Inseln anschauen wollten. Und dies nicht von oben.
Nun, einen regelmässigen Fährbetrieb gibt es nicht. Überhaupt gibt es keine Fähre, auch keine unregelmässige. Wenn man also von Panama nach Kolumbien will (oder umgekehrt), dann wendet man sich an die privaten Segler, die auf dieser Strecke gelegentlich oder teils auch gewerbemässig Touristen mitnehmen.
Wir suchten also im Internet nach Möglichkeiten und gelangten so an ein Hostel, das Hostel Wunderbar, in der Nähe von Portobello, welches solche Überfahrten organisiert bzw. vermittelt.
Das Hostel Wunderbar wird, wie es der Name irgendwie nahelegt von einem deutsch sprechenden Pärchen geführt. Die Silvia und der Guido haben hier eine kleine, sehr einfache Unterkunft für Backpackers aufgebaut. Einfach bedeutet, dass die WC’s und Duschen gerade mal aus einigen Schilfrohrwändchen bestehen und dass man, wenn man das Pissoir benutzen will, die Luft solange anhalten muss, weil es dort dermassen stinkt, dass es keinen Sinn macht zu atmen, weil es einem beim ersten Atemzug eh die Luft verschlüge.
Wie die auf den Namen „Hostel Wunderbar“ gekommen sind, bleibt uns schleierhaft. Ja nu, dort warteten wir also auf unser Schiff, die Iliki.
Am 5. Januar hiess es, sollte es losgehen. Wir waren schon zwei Tage vorher da und staunten, dass da bereits Leute waren, die davon ausgingen, dass die Iliki schon am 3. starten würde. Nun, uns sollte es egal sein, wir waren bereit.
Die Iliki allerdings noch nicht und so blieben wir also doch bis zum Fünften. Am Vorabend kam unser Kapitän vorbei, um uns zu informieren, wie die Fahrt verlaufen würde. Der Kapitän hiess Koni und war ebenfalls Deutscher.
Viel gab’s nicht zu instruieren. Wir mussten das Gepäck in Handgepäck und Unterbord-Gepäck trennen. Das Unterbord-Gepäck würde dann während der Fahrt irgendwo zuunterst im Rumpf unzugänglich verstaut. Gefahren würde vorwiegend in der Nacht. In der ersten Nacht sollte es zu einer kleinen San Blas Insel gehen, wo wir dann vor Anker gehen wollten, um den Tag mit Schnorcheln, Schwimmen und Sonnenbaden zu verbringen. Dann würden wir dort übernachten und am nächsten Tag zu den Cocobandera- Inseln übersetzen. Dort dann dasselbe nochmals, bevor es dann schliesslich auf die lange Reise nach Kolumbien gehen sollte. Eine Reise, die voraussichtlich zwei Tage und zwei Nächte dauern sollte.
Als wir dann am Abend des 5. zusammen mit unseren Mitreisenden und unseren beiden Fahrrädern zum Schiff übersetzten, staunten wir nicht schlecht. 8 Passagiere, ein Kapitän und zwei Fahrräder sollten auf diesem winzigen Bötchen Platz finden? Wie bloss? Ein Blick in die enge Kabine konnte diese Frage nicht beantworten, doch der Kapitän hatte die Lösung bereit. Diese hiess: Ein Bett, zwei Passagiere und vorne im Bug ein, etwas grössres Bett und drei Passagiere. Aha, super. Aber was machten wir uns da noch Sorgen über zu wenig Platz in den Betten? Unsere Bedenken stellten sich sehr schnell als vollkommen überflüssig heraus, denn ein Bett benötigt ja, wer schlafen will bzw. kann. Doch genau das konnte man ja eh absolut vergessen. Kaum waren wir nämlich aus dem Hafen ausgelaufen, begann ein solch krasses Schaukeln, dass nicht Schlafen, sondern Festklammern angesagt war. Wäre jemand, auch nur für ganz kurz, eingeschlafen, er oder sie wäre unweigerlich innerhalb von Sekunden auf dem Boden, zwischen all den herunter geschleuderten Sachen gelandet.
Abgesehen davon, stank es im Innern des Schiffs dermassen nach ausgelaufenem Diesel und Abgasen, dass es einem weniger vom Schaukeln, als vielmehr vom Gestank übel wurde. Und dann war da noch, mittendrin der Dieselmotor, welcher einen ohrenbetäubenden Lärm machte. Jesses und wie wenn das nicht schon mehr als genug gewesen wäre war in dem elenden Schiff auch noch eine feuchte Hitze von weit über 30 Grad.
Ojee, und das Schiffchen war gerade mal 10 Meter lang und die Wellen 5 Meter hoch. Man stelle sich vor, wie es einem da herum wirft. Nach und nach entdeckten wir zudem (teils wirklich ernsthafte) Mängel. Keine Luke würde sich im Notfall schliessen lassen, denn bei allen waren die Schrauben, teils auf einer, teils sogar auf beiden Seiten abgebrochen. Über einen funktionierenden Funk verfügte das Schiffchen nicht und auch ein Autopilot fehlte. Bei der mitgeführten Rettungsinsel war zufälligerweise grad die Zahl, welche die Anzahl Plätze angeben sollte weggekratzt und die gesamte Navigation lief über einen normalen PC mit USB Stick. Nix da mit Sattelitenverbindung, nix da mit Notruf, wenn mal was schief gehen sollte. Nicht-Atheisten hätten jetzt wohl vorsorglich mal zu beten begonnen.
Atheisten bleibt in solchen Situationen nur das Fluchen. Nutzen dürfte beides in etwa gleich viel, bzw. wenig, bzw. nichts.
Ui, waren wir froh, als wir am Morgen in die Lagune der San Blas Inseln einfuhren. Und noch mehr, als froh, waren wir müde. Nicht gerade aufbauend wirkte der Masten eines anderen Bootes, welcher aus dem Meer ragte und an welchem wir ganz nahe vorbei fuhren.
Auf meine Frage, was das denn sei, meinte unser Kapitän lakonisch, das sei ein anderes Backpacker-Boot, welches vor etwa 5 Wochen hier gesunken sei. Es wäre sehr stürmisch gewesen an diesem Tag und da sei das Schiff aufs Riff aufgelaufen und innerhalb kürzester Zeit gesunken. Die Passagiere, kam er unserer unweigerlich nächsten Frage zuvor, hätten sich aber alle mit dem Dingi (dem kleinen Schlauchboot, welches jedes Schiff mit sich führt) auf die benachbarte Insel retten können.
Ja, ja, so schnell kann’s manchmal gehen.
Wir ankerten in Sichtweite dieses Unfalls und als es hiess, wir könnten von hier aus Schnorcheln gehen, verschwanden wir natürlich in Richtung des Fracks.
Den Unfall konnte man ganz genau nachvollziehen, denn unter Wasser hatte das Schiff eine ziemliche Schneise in das Korallenriff gezogen und diese Schneise war übersäht mit verschiedenen Gegenständen, mit Gabeln, Löffeln, einer Funkanlage, Benzinpumpen, Seilen, Hacken und allerlei Gerümpel, welcher aus dem grossen Riss im Rumpf gefallen sein musste, als das Schiff im Sturm über das Riff schrabbte. Auch das Schiff selber lag in vielleicht etwa 7 bis 10 Metern Tiefe und durch die Bullaugen konnte man noch die Rucksäcke und Taschen der bemitleidenswerten Passagiere sehen. Wenn wir nicht gewusst hätten, dass eine Woche später eine Bergungsaktion geplant war, wir hätten das Frack prompt geplündert.
Zurück beim Schiff, beschlossen wir, die Nacht nicht nochmals in einem schaukelnden und übelriechenden Schiff zu verbringen. Gut hatten wir beide daran gedacht, unsere Hängematten ins Handgepäck zu nehmen, so konnten wir auf der winzigen Insel, auf welcher grade mal zwei Kuna - Familien lebten übernachten. Im Gegensatz zu unseren Mitreisenden hatten wir sogar eine improvisierte Dusche.
Man stelle sich vor, auf dem Schiff gab es keine Dusche, nur gerade mal eine winzige Toilette. Da kam man also aus dem salzigen Meerwasser und wenn man sich hätte duschen wollen, hätte man dazu eine Flasche mit Trinkwasser verwenden müssen.
Na ja, das Trinkwasser war auch so ein Kapitel, aber lassen wir das aus. Auf der Insel hatte es doch tatsächlich ein kleines Wasserloch mit Süsswasser. Aus diesem schöpften wir einige Eimer Wasser und konnten uns so geduscht in die Hängematte legen.
Auch die anderen Passagiere hatten Etwas von unserem Inselausflug, denn so hatten sie doch zumindest ein zusätzliches Bett zur Verfügung.
Jesses, fast hätte ich das Thema Essen vergessen.
Ach was, vergessen wir’s getrost.
Unser Kapitän war in seinem früheren Leben mal Koch.
Da war nicht mehr viel davon übrig.
Was heisst nicht mehr viel? Nichts. Absolut nichts!
An einem Abend gab’s beispielsweise Bimbo-Brot (das ist das Toastbrot, welches man ein Jahr lang aufbewahren kann, ohne dass es schlecht wird. Es kann gar nie schlecht werden, weil es schon miserabel ist, wenn es verpackt wird. Dazu nackte Würstchen und Ketchup. Die vegetarische Variante war dann einfach ohne Würstchen. Jürg machte einfach eine Fünftagediät, denn auf den Inseln gab’s das Eine mal Fisch und das andere Mal Lobster (das sind Krebse). Nun wussten wir auch, was Silvia meinte, als sie in einem Mail schrieb, dass ich auch als Vegetarier nicht verhungern würde. Logisch, 5 Tage reichen zum Verhungern nicht!
Am Nachmittag des nächsten Tages machten wir dann wieder Leinen los und zogen den Anker an Bord.
Weiter ging’s, nach Cocobandero. In der Nacht dasselbe. Schaukeln, dass es die Kochtöpfe (natürlich alle, auch die Vollen) vom Herd fegte. Jesses, ist das nach solch einem Geschaukel ein Segen, wieder in ein Riff einlaufen zu können. Wunderschöne Inseln, mit weissem, ungemein feinem Sand und Kokospalmen warteten auf uns. Auch hier schnorchelten wir und schwammen von Insel, zu Insel. Jürg holte einige Kokosnüsse von den Palmen.
Am Abend war geselliges Beisammensein mit Bier und Lobster angesagt. Jürg zog sich sogleich in seine Hängematte zurück, da er nicht mit ansehen wollte, wie die armen Viecher lebendig auf die Glut gelegt werden. Ist ja auch ziemlich pervers, dieselben Leute, welche beim Schnorcheln ganz aus dem Häuschen geraten, wenn sie ein solch schönes Tier sehen, legen ohne Bedenken 8 dieser armen Viecher ins Feuer, um am Schluss einige Gramm davon zu essen (der Rest wird zurück ins Meer geworfen). Am nächsten Tag war ein letztes Mal Baden angesagt, dann gings’s gegen Abend weiter. Kaum an der engen Passage, zwischen den Korallen vorbei, stieg doch tatsächlich unser Schiffsmotor aus. Ein denkbar dummer Ort. Draussen auf dem offenen Meer wäre es weit unproblematischer, als ausgerechnet hier, so nahe am Riff. Wir haben nur mal gerade einige Dutzend Meter Abstand und müssen hier dringend weg. Das lässt einem natürlich gleich an das gesunkene Boot vom Vortag denken. Glücklicherweise lief genau zur selben Zeit ein anderes Boot aus und wir konnten uns erst mal anhängen. Hagen (das war der Kapitän des anderen Schiffes) schleppte uns also auf’s offene Meer, derweil unser Kapitän, mit Schraubenschlüsseln und Zangen im Motorraum verschwand. Eine Dieselleitung schien verstopft. Kunststück, bei dem Geschaukel wirbelt es ja jeden Dreck im Tank auf. Nach einer bangen Zeit versuchte er den Motor wieder zu starten, was nach einigen Fehlversuchen zum Glück dann doch noch gelang. Wir können die Leinen also wieder los machen und in Richtung Cartagena tuckern.
Tuckern ist der richtige Ausdruck, denn wir haben den Wind präzise gegen uns, so dass die Segel zu nicht viel Nütze sind und wir vor allem per Motor vorwärts kommen müssen. Und das bedeutet, mit sagenhaften 8 Kilometern pro Stunde.
Cartagena ist über 200 Kilometer entfernt! Man rechne. Oder doch besser nicht. Festhalten ist angesagt. Jürg liegt auf dem Bett und irgendwann gibt er auf, neben sich auch noch die Matratze halten zu wollen. Diese rutscht langsam unter ihm weg und plumst wie schon alles Andere irgendwann auf den Boden.
Der Ungarin ist schlecht, sie hat schon kurz nach der Abfahrt alles (wohl auch den armen Lobster) wieder über Bord gegeben. Irgendwann wankt sie durch’s Schiff, schlägt sich hier den Kopf, dort den Arm und an einem anderen Ort das Bein an. Unter grösster Kraftanstrengung versucht sie die Türe zur Toilette zu öffnen, als sich das Schiff unvermittelt auf die andere Seite legt. Jetzt schlägt ihr die Türe, die sie eben noch aufzustemmen versuchte hart an den Kopf und sie fällt nach hinten an ein Gestell. Schluchzend steht sie wieder auf und plumpst schliesslich ins Klo. Kaum ist sie drinnen wirft sich das Schiff erneut sehr energisch herum und Jürg hört den dumpfen Aufschlag Ihres Kopfes an der Toilettentüre.
Die ärmste konnte ihr Geschäft in dieser Zeit unmöglich erledigt haben, da stösst sie die Türe wieder auf und geht, von einem Heulkrampf geschüttelt wieder in ihr Bett, dass sie mit ihrem Mann und mit ihrem Sohn teilen muss. Noch Minuten lang ist ihr hysterisches Schluchzen trotz des lauten Motors und der ans Schiff brandenden Wellen deutlich zu hören. Jürg fragt sich, ob sie jetzt ihr Geschäft vergessen hat, oder ob sie nun einfach ins Bett macht.
So verbringen wir also eine erste Nacht, gänzlich ohne Schlaf, Jürg in der lauten, heissen und stinkenden Kajüte und Stefan auf Deck. Weil wir ja nur einen Kapitän und keinen Autopiloten haben, müssen auch die „Kunden“ ran und so übernimmt mal der eine oder der Andere die Arbeit am Ruder. Zufälligerweise haben wir auch noch zwei ausgebildete Kapitäne an Bord. Die Ungarin, die gerade mit einem Heulkrampf in der Kajüte liegt und auch ihr Mann haben das Patent. Aber auch der Stefan ohne jede Segelerfahrung wird einfach mal hinters Ruder gestellt.
Ganze zwei Tage und zwei Nächte geht das schliesslich so. Ein ganzer Teil der Besatzung, darunter auch die ungarische Familie und Jürg bleiben einfach unter Deck und sind vollauf damit beschäftigt, sich fest zu klammern. Zwischendurch steigt mal wieder der Motor für eine zeitlang aus und muss repariert werden oder es reisst der Keilriemen der Lichtmaschine. Dann geht lange Zeit nichts mehr und wir sind noch mehr ein Spielball der Wellen.
Am Morgen des zweiten Tages dann wird das Meer, in Küstennähe endlich friedlicher und alle kraxeln wieder an Deck. Ein erhebendes Gefühl, in der Ferne die Grosstadt Cartagena nahen zu sehen.
Endlich können wir dort wieder an Land. Alec, der Ungar mit dem Kapitänspatent meint, er wäre froh, dass wir es geschafft hätten, denn eine solche Überfahrt sei schlicht verantwortungslos.
Nach einem solch enormen und mehrtägigen Geschaukel ist es echt schwierig, sich ans Nichtschaukeln zu gewöhnen und immer wieder glaubt man, es schaukle auch an Land weiter.
Im Supermarkt schaukeln die Gestelle, im Park die Bäume und im Hostel das Bett.
Es dauert ganze zwei Tage, eh man wieder richtig Tritt fasst.
Hoi Stefan
AntwortenLöschenDas tönt ja alles andere als angenehm, huiuiui. Ich habe richtig mitgelitten beim lesen. Zum Glück habt ihr dieses Abenteuer gut überstanden! Ich freue mich sehr darauf, Dich bald wieder zu sehen.
Liebe Grüsse und bis am Freitag,
Nani
Hoi Stefan und Jürg,
AntwortenLöschenJa es ging mir auch so wie Nani, hing an den Worten weil es so spannend aber doch humorvoll geschrieben ist! Ihr habt den (Galgen-)Humor also noch behalten. Krass, da bin ich richtig froh nicht dabeigewesen zu sein! Ich hatte auch mal so eine furchtbare Ueberfahrt mit einem kleinen Boot das geleckt hat in einem Sturm (mit sichtbarem Twister) aber nur 3 Stunden!
Lieber Gruss
Tom